Was Leser über sinnvolles Lesen in der Smartphone-Ära wissen
Von Laura Hoffmann · 2026-04-25 · 6 Min. Lesezeit

Mehr lesen scheitert selten am Wollen. Es scheitert häufiger an der Umgebung, die man für sich geschaffen hat.
Warum lesen so viele Menschen weniger als sie möchten?
Die Antwort ist nicht: zu wenig Zeit. Wer ehrlich auf seine Tageszeitnutzung schaut, findet in der Regel Zeit, die für anderes verwendet wird — vor allem für Bildschirme. Das Smartphone ist nicht nur ein Gerät, das Aufmerksamkeit konsumiert; es ist eines, das sie fragmentiert. Kurze, schnell konsumierbare Einheiten trainieren das Gehirn auf Kurzreize. Längerem Lesen fühlt sich danach widerständiger an, als es eigentlich ist.
Das ist keine Klage über Technologie. Es ist eine Beschreibung eines Zustands, den man gestalten kann.
Laut einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels liest etwa ein Drittel der deutschen Erwachsenen regelmäßig Bücher. Ein erheblicher Anteil davon würde gerne mehr lesen — und tut es nicht.
Wie findet man Bücher, die man tatsächlich zu Ende liest?
Das ist die wichtigste und am meisten unterschätzte Frage. Viele Leseflauten entstehen nicht durch zu wenig Zeit, sondern durch das falsche Buch. Wer sich durch ein Buch kämpft, das ihn nicht fesselt, verbindet Lesen mit Pflicht — und das macht die nächste Leseeinheit schwerer.
Die wirksamste Strategie: das Buch sofort weglegen, wenn es nach fünfzig Seiten nicht zieht. Keine Pflicht zum Beenden. Wer fünfzig Bücher beginnt und dreißig fertig liest, liest mehr und mit mehr Freude als wer zehn Bücher beginnt und sich durch alle kämpft.
Empfehlungen von Menschen, deren Geschmack ähnlich ist, sind zuverlässiger als Bestsellerlisten. Lokale Buchhandlungen mit kompetenter Fachberatung sind für Leser mit klaren Präferenzen oft besser als Algorithmen.
Wo findet man im Alltag Zeit zum Lesen?
Die verlässlichsten Zeitfenster für Lesen im Alltag sind solche, in denen Langeweile oder Warten der Standard war, bevor das Smartphone die Lücke füllte.
Pendelzeit. Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, hat Lesezeit. Was bisher mit Scrollen verbracht wurde, lässt sich mit Lesen verbringen — wenn man das Buch griffbereit hat und nicht erst suchen muss.
Die ersten zwanzig Minuten nach dem Aufwachen. Viele Menschen greifen reflexartig zum Smartphone, bevor sie aufgestanden sind. Ein Buch auf dem Nachttisch statt des Smartphones in Reichweite verändert die Wahrscheinlichkeit, dass die ersten Minuten des Tages lesend verbracht werden.
Vor dem Einschlafen. Lesen vor dem Schlafengehen ist sowohl angenehm als auch für den Schlaf besser als Bildschirmzeit. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die sich im Alltag selten von selbst durchsetzt.
Die meisten Menschen, die sagen, sie hätten keine Zeit zum Lesen, meinen: Lesen ist gerade nicht das, wonach ich greife. Das ist eine Gewohnheitsfrage, keine Zeitfrage.
Hilft es, Leseziele zu setzen?
Es kommt auf den Typ an. Für manche Menschen ist ein konkretes Jahresziel — etwa zwölf Bücher — motivierend. Es erzeugt Rhythmus und macht sichtbar, ob man im Soll liegt.
Für andere erzeugt dasselbe Ziel Druck, der das Lesen wieder zur Pflicht macht. Wer merkt, dass er Bücher auswählt, die schnell fertigzulesen sind, statt solche, die ihn wirklich interessieren, hat das Ziel falsch kalibriert.
Nützlicher als eine Buchzahl ist für die meisten: eine Gewohnheit. Zehn Minuten täglich, verlässlich und ohne Ausnahme für Ausreden, erzeugt in einem Jahr mehr als gelegentliche Lesemarathons mit langen Pausen dazwischen.
Was tun mit einem Buch, das man nicht beendet hat?
Es stehen lassen und etwas anderes lesen. Es später wieder versuchen — manchmal passt ein Buch zu einem anderen Lebenszeitpunkt besser als zum aktuellen. Es endgültig weggeben, wenn man es dreimal begonnen und dreimal nicht weitergelesen hat.
Was nicht hilft: Es als Mahnung auf dem Nachttisch liegen lassen, bis es die Lesefreude überlagert. Bücher, die man nicht liest, nehmen auch emotional Platz ein. Die Bibliothek der eigenen Lust am Lesen zu gestalten statt sie als Pflichtliste zu behandeln, ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung für ein nachhaltiges Lesehaben.
Wie findet man eine Lesegemeinschaft?
Gemeinsam lesen ist nicht für jeden das Richtige — aber für viele ein erheblicher Motivationsfaktor. Lokale Bibliotheken bieten häufig Lesekreise an, in Deutschland sind sie oft kostenlos und für Interessierte offen. Städtische Volkshochschulen organisieren ebenfalls literarische Runden zu verschiedenen Genres.
Wer digital bevorzugt, findet in verschiedenen Online-Foren und Leser-Communitys Anschluss — der Austausch über gelesene Bücher, auch asynchron, kann das Leseerlebnis erheblich vertiefen.
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